Für Heilberufe

Theaterarbeit mit Patienten

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Schauspieltechnik als Grundlage für künstlerische Produktion und öffentliche Aufführung

Seit 1999 leite ich kontinuierlich Theatergruppen im psychiatrischen Kontext Von Beginn an war die Erarbeitung von Theaterstücken mit dem Ziel einer öffentlichen Aufführung ein zentraler Bestandteil meiner Arbeit.

Die Schauspieltechnik nach Michael Chekhov bildet hierfür eine besonders tragfähige Grundlage. Sie ermöglicht es, über Imagination, psychologische Geste, Atmosphäre und körperlich erlebte Bewegung innere Zustände in eine äußere, gestaltete Form zu bringen. Der Körper wird dabei nicht als Objekt betrachtet, sondern als Resonanzraum für Empfindung, Bedeutung und Ausdruck.

In der Rollenarbeit erfahren sich Patienten jenseits diagnostischer Zuschreibungen. Sie treten in Beziehung zu Raum, Mitspielern und Publikum und erleben sich als handelnde, gestaltende Subjekte. Atmosphären werden nicht nur gespielt, sondern körperlich erlebt; innere Bilder erhalten Form, Richtung und Dynamik.

Die öffentliche Aufführung verstärkt diesen Prozess. Gesehen zu werden, Wirkung zu entfalten und Resonanz zu erfahren, kann Erfahrungen von Selbstwirksamkeit, Würde und Zugehörigkeit ermöglichen, die in klassischen therapeutischen Settings oft nur begrenzt zugänglich sind.

Arbeit in zeitlich begrenzten Therapeutischen Kontexten

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Ein zweiter Anwendungsbereich entwickelte sich aus der Arbeit in Zusammenhängen, in denen eine längerfristige Theaterproduktion nicht möglich ist, etwa in Tageskliniken oder anderen zeitlich begrenzten Behandlungssettings.

Hier arbeite ich mit Elementen der Michael-Chekhov-Technik unabhängig von einem Aufführungsziel. Im Mittelpunkt steht nicht das Ergebnis, sondern der unmittelbare Erfahrungsprozess. Übungen zur Raumwahrnehmung, zur Arbeit mit imaginären Impulsen, mit Richtungen, Qualitäten von Bewegung und inneren Bildern eröffnen Zugänge zu inneren Erlebniswelten, die oft direkter sind als das Gespräch allein.

Die Aktivierung der Vorstellungskraft und die bewusste Einbeziehung des Körpers ermöglichen es, Emotionen, innere Konflikte und Potenziale auf eine nicht-sprachliche Weise zu erkunden. Gerade in kurzen Formaten erweist sich die Chekhov-Technik als besonders wirksam, da sie rasch erfahrungsorientierte Zugänge schafft und neue innere Haltungen erlebbar macht.

Das innere Theater

Imagination, psychophysische Präsenz und entwicklungsfördernde Wahrnehmung

In den letzten Jahren ist für mich ein dritter Anwendungsbereich zunehmend in den Vordergrund gerückt, der über konkrete Gruppenarbeit hinausgeht und meine therapeutische Haltung insgesamt prägt.

Die kontinuierliche Arbeit mit der Schauspieltechnik nach Michael Chekhov hat meine Fähigkeit geschult, über den Körper und über die Imagination innere Bilder zu entwickeln und zu halten. Chekhov beschreibt den „imaginierten Körper“ und die Kraft der Vorstellung als zentrale Quellen von Bewegung, Handlung und Wandlung.

Diese Fähigkeit ist für meine therapeutische Arbeit zentral geworden. Sie erlaubt es mir, mögliche Entwicklungsbewegungen eines Patienten innerlich vorwegzunehmen und zu verkörpern, auch dann, wenn diese noch nicht sichtbar oder bewusst zugänglich sind. Durch die Arbeit mit inneren Bildern, Atmosphären und psychologischen Gesten entsteht eine innere Haltung, die Entwicklung nicht nur analysiert, sondern ermöglicht.

Mit zunehmender Erfahrung wird mir immer deutlicher, dass diese innere Arbeit Einfluss auf den therapeutischen Prozess nimmt – unabhängig davon, welche weiteren Methoden eingesetzt werden. Indem sich mein eigenes Vorstellungsvermögen erweitert, erweitern sich auch die Möglichkeiten des Patienten. Die Schauspieltechnik wirkt hier als grundlegende Form der Wahrnehmung, Beziehungsgestaltung und Entwicklungsbegleitung.

Perspektive und Angebot

Die Schauspieltechnik nach Michael Chekhov verbindet künstlerische Präzision mit psychophysischer Tiefe. Sie eröffnet Räume, in denen Entwicklung nicht nur besprochen, sondern erlebt und verkörpert werden kann.

Meine Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle von Theater, Psychiatrie und therapeutischer Praxis. Die Michael-Chekhov-Technik bildet dabei eine tragende Grundlage – als künstlerische Methode, als therapeutisches Werkzeug und als innere Haltung.

Die Dozenten

Yukiko Inui
Corporate Consultant

Yukiko Inui

Geboren in Japan, Absolventin der MCIA bei Jörg Andrees, integriert sie in ihre Arbeit Prinzipien aus der japanischen Theatertradition. Sie nutzt Haiku-Gedichte, klassische Schauspielübungen und Radiogymnastik, um Konzentration und Körperbewusstsein zu stärken sowie kreative Fähigkeiten zu fördern.

Dr. med. Michael John
Psychiater und Psychotherapeut

Dr. med. Michael John

Psychiater und Psychotherapeut. Studium der Humanmedizin an der Universität Witten/Herdecke, Facharztausbildung zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Berlin. 1998 Gründung von “Wohin Geste” der ersten Schauspielgruppe mit psychiatrischen Patienten am St JosephKrankenhaus Berlin Weißensee. Seit 1999 arbeitet er eng mit Jörg Andrees zusammen, dem Leiter der Michael Chekhov International Academy, MCIA, einem führenden Institut für Schauspieltechnik nach Michael Chekhov. Gemeinsam entwickelte er innovative Verfahren, die Chekhovs Schauspieltechnik in der therapeutischen Arbeit anzuwenden. Er gründete das John Inui Institut, in dem er zahlreiche Theatergruppen in psychiatrischen Einrichtungen ins Leben gerufen hat und seit Jahren Fachkräfte, Ärzte und Patienten in diesen Methoden ausbildet.

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